Not with a bang but with a whimper:
Die Indie Renaissance des Horrorspiels

Fragt man Fans oder Experten nach einigen der einflussreichsten Horrorfilme aller Zeiten, ist es wahrscheinlich das einer dieser Titel dabei genannt wird: Night of the Living Dead (“Die Nacht der lebenden Toten”), The Blair Witch Project, Evil Dead (nicht der hier, sondern das Original “Tanz der Teufel”) oder Paranormal Activity.

Über die Qualität mancher dieser Filme lässt sich sicherlich streiten, doch eines ist klar: Alle vier sind Eckpfeiler des Genres, die massive Erfolge feierten und Unmengen an weiteren Filmen hervorbrachten, die von diesen inspiriert waren oder direkt imitieren wollten…beides oft eher schlecht als recht.
Doch noch etwas haben diese Filme gemeinsam: Jeder dieser Filme war weit abseits der Hollywood-Blockbuster-Maschinerie, oft mehr Hobby-Projekt als Kino-Produktion, mit Budgets von ein paar tausend Dollar die große Studios alleine fürs Catering bezahlen würden. Doch spielten alle diese Filme ein vielfaches dieses Budgets ein und wurden massive Erfolge, nicht unbedingt durch die schauspielerischen Leistungen oder die aufwändige Inszenierung, sondern weil sie frisch und gewagt waren und Massen an Zuschauern anzogen, die nicht vom Massengeschmack von Fokusgruppen und wirtschaftlich orientierten Produzenten begeistert werden konnten.

Jedoch, eben dieser Massengeschmack und der Fokus auf Wirtschaftlichkeit ist es, der die Spieleindustrie dominiert wenn es um das altbekannte Genre des “Survival Horrors” geht. Die Spiele die einst über Nacht zu Klassikern wurden, wie Silent Hill oder Resident Evil, sind in den Augen vieler Fans nurnoch Schatten ihrer selbst, die Atmosphäre und Horror für Spektakel und Action eintauschten.
Beispielhaft steht hier vielleicht die recht neue Spielserie Dead Space von EA. Wenngleich sicherlich von vornherein unverwechselbar ein Actionspiel, bot das Spiel dennoch intensive Horror-Atmosphäre. Doch mit jedem Spiel, dass sich weit unter den Erwartungen des Publishers verkaufte (keine große Überraschung, bedenkt man das man hier doch von einem Nischen Genre spricht) und die umfangreichen Franchise-Pläne (samt Spin-Off Spielen, Filmen und Comics) nicht aufgehen lassen ließ, entfernte sich die Serie zunehmend von beklemmender Atmosphäre und Survival hin zu Spektakel und Action, entsprechend den Trends der genrefremden Spielebestseller, was alte Fans vergraulte und kaum neue Spieler einbrachte. Im Endeffekt ist es überhaupt ein Wunder das man es bis zum dritten Teil schaffte.

Wie gesagt, Horror, vorallem im Videospielbereich, ist trotz allem eine Nische. Und mit der modernen Spieleindustrie, dessen Budgets für Entwicklung und PR oftmals mehrere Millionen per Spiel verschlingt und deshalb immer wieder Entwickler und Publisher zum Rande einer finanziellen Katastrophe treibt, ist Horror nicht lukrativ genug um das Risiko wert zu sein.

Doch ist es nicht so das die Spielergemeinde nicht an Horrorspielen interessiert ist. Im Gegenteil.
Als im September 2010 das vergleichsweise unscheinbare Spiel Amnesia: The Dark Descent auftauchte, schlug es innerhalb kürzester Zeit hohe Wellen.
Schon vor Erscheinung galt das Spiel als Geheimtipp dank dem spirtuellen Vorgänger von Entwickler Frictional Games, der Penumbra-Reihe die bereits eine gewisse Aufmerksamkeit erhielt.
Doch dies war nichts gegen den massiven Hype, den Amnesia hervorbrachte. Gefeiert als ein Spiel, dass andere “angebliche” Horrorspiele in ihre Schranken weist, löste es eine Welle von Lobeshymnen (und YouTube Videos, in denen Fans ihre eigenen panisch-verängstigten Gesichter beim Spielen filmten) aus und verkaufte sich stetig, bis es 2012 die Millionenmarke knackte.
Zahlenmäßig mag dies vielleicht wenig sein im Vergleich zu den großen “AAA-Spielen”, selbst dem bei Fans und Kritikern überwiegend geflopptem Resident Evil 6, aber bedenkt man wie klein das Budget und die Firma Frictional Games an sich ist, ist dies doch ein beachtenswerter Erfolg.

Und dies war nicht die einzige Erfolgsgeschichte der letzten Jahre. Slender (später Slender: The Eight Pages gennant), ein eher schlichtes und technisch unbeeindruckendes Freeware Spiel basierend auf dem zusammengespinnten Pseudo-Mythos des Forums der Seite Somethingawful, wiederholte den Hype und die Reaktionen die einst Amnesia galten dank seines minimalistischen Designs, seiner intensiven Atmosphäre und clever gestalteten Schockmomenten. Und selbst Deadly Premonition, ein Spiel das weder durch seine spielerischen noch durch seine Grusel-Qualitäten begeistern kann, wurde dank ambitionierter Ideen und dem absurden Charme als Japan-Trash-Version von Twin Peaks zu einem Kulthit…obwohl die meisten Fans selbst offen zugeben, das das Spiel an sich eigentlich fürchterlich ist.

Heute (bzw. zum Zeitpunkt als das hier geschrieben wurde), während Publisher wie EA und Capcom mit Unsicherheit über die Zukunft ihrer Horror-Franchises grübeln, stehen wir vor einer Welle an Horrorspielen kleiner Indie Entwickler, die mit kleinem Budget, großen Ambitionen und innovativen Ideen auf sich aufmerksam machen…ähnlich wie viele Kult-Horrorfilme.

Und während die Spiele diese grundlegenden Eigenschaften teilen (die interessanterweise zudem oftmals fast schon dogmatisch dem aggressiv betitelten Blog-Post “Why Horror Games Suck” von Amnesia-Macher Thomas Grip folge leisten), sind ihre Verfahrensweisen zum Glück doch bunt gemischt.

Da wäre zum Beispiel Outlast, optisch vielleicht eines der beeindruckensten Indie Spiele, in dem der Spieler, “bewaffnet” mit einer Videokamera (ähnlich wie Found-Footage Filme á la Blair Witch Project und [REC]), in einer nicht-so-verlassenen Anstalt Monstern begegnet, an denen man sich mangels kampforientierten Optionen vorbeischleichen muss.

Auch Among the Sleep nutzt eine ungewöhnliche Perspektive und einen hilflosen Charakter, tut dies jedoch auf eine quasi wortwörtlichere Weise: Denn hier steckt man als Spieler im Körper eines zweijährigen Kindes, das eines Nachts seine Mutter sucht. Und da die riesig wirkenden Einrichtungsgegenstände und die für ein Kleinkind unüberwindbar scheinenden alltäglichen Hindernisse des Elternhauses nicht wohl genug sind, tauchen auch noch bösartige Kreaturen in dem zunehmend surrealen Adventure auf.

Etwas weniger beklemmend, aber nicht weniger Atmosphärisch ist Darkwood (und das trotz einer eher altmodischen 2D Perspektive), in dem man mit Hilfe des cleveren Einsatzes von Ressourcen ums Überleben kämpft. Für langen Wiederspielwert sorgt dabei die zufällig erzeugte Spielwelt und “Permadeath”…stirbt man im Spiel, fängt man wieder bei Null an, was jede Bedrohung umso riskanter macht. Das interessant strukturierte Daylight und das optisch ebenfalls sehr beeindruckende Routine (in der man auf eine Raumstation im retro-futuristischen 80ies Stil von Killerrobotern gejagt wird…meiner Meinung nach viel zu selten genutzte “Monster”) nutzen ebenfalls diese Elemente.

Fast schon klassisch wirkt dagegen DreadOut fast wie eine Homage an das Kultspiel Fatal Frame, verfrachtet das ganze jedoch in ein sehr indonesisch geprägtes Setting mit passender Mythologie. Diese Art von Nostalgie ist ebenfalls der Horrorfilmwelt nicht fremd, sieht man sich Filme wie House of the Devil, Insidious oder The Conjuring an, die stark von den späten Siebzigern geprägt sind.

Ob und welche dieser Spiele hinterher Meisterwerke oder überhaupt spielenswert sind, ist natürlich noch nicht zu sagen.
Jedoch repräsentieren sie Qualitäten, die eben auch in der Filmwelt für Kultfilme gesorgt haben. Denn in Sachen Horror ist eine teure Produktion und die Attraktivität für ein möglichst großes Publikum nicht einmal ansatzweise so wichtig wie ein richtiges Verständnis für das Genre, frische Ideen und große Ambition.

Immerhin scheint diese Welle an Projekten ein paar Früchte ausserhalb von Indie Kreisen zu tragen. So kündigte der einstmalige Macher von Resident Evil ein Spiel namens “The Evil Within” an, das sich auf alte Stärken besinnen und psychologischen Horror bieten soll. Man darf gespannt sein.

Infos:
DreadOut und Among the Sleep haben spielbare Alpha-Demoversionen
Link DreadOut Demo: http://dreadout.com/demo/
Link Among the Sleep Alpha Demo: http://www.kickstarter.com/projects/krillbite/among-the-sleep/posts/480797

Slender: The Eight Pages ist, wie erwähnt, kostenlos.
Download: http://slendergame.com/download.php
Die Fortsetzung Slender: The Arrival kann man hier kaufen: http://www.slenderarrival.com/

Bilder:
1. Among the Sleep (Pressekit, http://www.krillbite.com/press/sheet.php?p=among_the_sleep)
2. Outlast (Pressekit, http://indiemegabooth.com/presskit/sheet.php?p=Outlast)