Fez 2 und der traurige Stand der Spielepresse

Heute morgen musste ich überrascht feststellen, das FEZ 2, die unerwartet zur E3 angekündigte Fortsetzung zu FEZ, dem überaus erfolgreichen und gefeierten Puzzle Plattformer von Polytron, wohl genauso überraschend gecanceled wurde.

Der Grund dafür ist das Indie Entwickler Phil Fish, mehr oder minder alleiniger Inhaber von Polytron, sich nach einer lange andauernden Reihe von Beleidigungen etc. im Internet komplett aus dem Geschäft zurückzieht.
Der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte? Marcus Beer, der als “Annoyed Gamer” eine Video-Kolumne auf Gametrailers.com hat und im Video-Podcast “Invisible Walls” mehrere Minuten lang Phil Fish und Jonathan Blow (der Macher des erfolgreichen Indie Spiels “Braid”) auf beleidigende Weise dafür kritisiert hatte, dass beide wehement eine Aussage über Microsofts dieswöchige Ankündigung gemacht hatte, das zukünftig jedermann Spiele für die Xbox One selbst vertreiben kann.

Dies führte promt zu einer Reaktion von Fish auf Twitter, wo er von Beer verlangte das er sich für seine Aussagen entschuldigen sollte, worauf Beer natürlich nicht einging und stattdessen die gesamte Twitter Diskussion in noch mehr Beleidigungen beiderseits eskalierte. Am Ende twitterte Fish “I fucking hate this industry” und veröffentlichte kurz darauf auf der Seite von Polytron, dass Fez 2 gecancelt ist mit den Worten

FEZ II is cancelled.
i am done.
i take the money and i run.
this is as much as i can stomach.
this is isn’t the result of any one thing, but the end of a long, bloody campaign.

you win.

…zu lesen hier: http://polytroncorporation.com/fez-ii-cancelled

Nun, zunächst ist zu sagen, dass Phil Fish sicherlich kein unbeschriebenes Blatt ist, was Internet Kontroversen angeht.
Nicht nur das es viel Streit mit Publisher Microsoft über einen Patch von FEZ gab, der bei einigen Spielern die gespeicherten Daten korrumpierte, auch sonst gab sich Fish oft sehr kritisch und, man kann es nicht anders sagen, sehr arrogant gegenüber der Spieleindustrie. Ebenso war er schnell darin, gegen ihn gerichtete Kritik und Beleidungen auf Twitter gleichermaßen mit Beleidigungen zu beantworten. Insbesondere stark in die Kritik kam er mit einer beleidigenden Aussage über den Stand der japanischen Spieleindustrie.
Das brachte Fish selbstredend im Internet eine entsprechende Reputation ein und man sieht kaum einen Artikel über Fish oder etwas, in dass er involviert war, ohne das dutzende von Kommentaren darunter Fish für seine Arroganz (oder einfach nur seine Existenz) beleidigen.

Und ebenso ist es zu sagen, dass es ziemlich kindisch wirkt sich aus dem Geschäft zurückzuziehen über ein paar Beleidigungen von einem Typen aus dem Internet.

ABER, ich finde man muss es im Kontext sehen: Phil Fish ist ein junger Entwickler, dessen Hobby Spiele zu machen ihn einen unerwarteten Erfolg einbrachte und der 5 Jahre lang in der Hauptsache alleine ein Spiel, das unabhängig von seiner Qualität (die jedoch ebenfalls weitestgehend unbestritten ist) extrem detailliert und detailreich ist, entwickelt hatte und sich dabei zwischenzeitlich mit gerichtlichen Streitigkeiten sowie starken finanziellen Problemen auseinandersetzen musste. Wie man meiner Meinung nach in der Dokumentation “Indie Game: The Movie” deutlich sieht, ist er ein sehr introvertierter und psychisch belasteter Mensch (der, wie erwähnt, seit Jahren konstant im Internet kritisiert und beleidigt wird, ob er nun was sagt oder nicht). Und ja, er ist auch meiner Meinung nach irgendwie ein Arschloch das sich selbst für den größten hält, aber wenn man fünf Jahre lang alleine an einem Spiel arbeitet dessen Misserfolg den finanziellen Ruin bedeuten könnte, wie kann er das nicht sein?

Marcus Beer dagegen ist seit vielen Jahren in der Spielebranche tätig, erst als PR-Manager in diversen Firmen wie Ubisoft, Blue Byte und Vivendi, und später eben als freier Journalist.

Einer von ihnen ist offensichtlich ein Medienprofi, der andere nicht. Und trotzdem kritisieren absurderweise viel mehr Leute Fish dafür, das er des öfteren unprofessionell in der Öffentlichkeit agiert.
Es ist ein trauriges Symptom der Spielepresse im Internet (die extrem wichtig ist angesichts dessen das die Presse hier in Print oder TV-Formaten kaum existiert), das beachtete Leute mit einer Reputation sich hier offen als Charaktere (immerhin präsentiert er sich absurderweise als “Annoyed Gamer”) geben können, bei denen vermutlich selbst ein Rush Limbaugh zeitweise mit dem Kopf schütteln können, und das eben solche Internetseiten wie Kotaku, Gametrailers, The Escapist und co., die in ihrem Anspruch weit über die gewöhnlichen Produkttests und Pressemitteilungen anderer Formate gehen wollen, zunehmend nurnoch nach Kontroversen suchen, um hitzige und hirnlose Diskussionen zu provozieren und Klicks zu erzeugen.
Der Mist, den man in Promi-Zeitschriften und Blogs über Filmstars und andere so behauptete “Personen des öffentlichen Interesses” zu lesen bekommt, sollte keine Vorlage sein wie man es in der Spieleindustrie zu tun hat, es sollte ein abschreckendes Beispiel sein, und ich begreife nichteinmal, wie man es anders betrachten kann.

Als Fazit für mich ziehe ich hier, das die ganze Geschichte auf beiden Seiten ziemlich peinlich und kindisch ist. Doch ziehe ich Beer, als Medien Profi, hier in eine größere Verantwortung, denn es ist beschämend sich so lächerlich provokativ in der Öffentlichkeit als angeblicher Journalist zu geben.
Ich wäre froh, wenn solche Twitter Skandälchen nicht mehr passieren würden.
Tatsächlich wäre ich froh, wenn Twitter ganz abgeschafft werden würde.
Noch froher wäre ich, wenn, gesehen an Phil Fish’s Twitter Avatar, der ein Bild von Andy Kaufman zeigt, die ganze Geschichte nur ein elaborater Witz war, so wie die langjährige “Feindschaft” zwischen Comedian Kaufman und Wrestling-Profi Jerry Lawler. Nur eben nicht lustig.

Leider fürchte ich das nichts davon der Wahrheit entspricht.

Quellen (die selbst durch ihre sehr unterschiedliche Beschreibung der Dinge ein interessantes Bild auf die Spielepresse werfen)

http://www.eurogamer.net/articles/2013-07-28-fez-2-cancelled-fish-swims-away-from-the-games-industry
http://www.escapistmagazine.com/news/view/126385-Update-Fez-Dev-Tells-Media-Member-To-Kill-Himself
http://kotaku.com/twitter-blowup-leads-to-sudden-cancellation-of-fez-ii-934548588
http://www.theverge.com/2013/7/27/4563738/fez-ii-abruptly-canceled-after-developer-phil-fish-explodes-in-rage
http://www.gamefront.com/did-phil-fish-just-angrily-cancel-fez-2-via-twitter/
http://www.joystiq.com/2013/07/27/fez-2-canceled/

Und um etwas aufmunterndes zu bringen, der legendäre Auftritt von Kaufman und Lawler in der David Letterman Show